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leanne shapton über „frauen und kleider“

Von Marlene | Veröffentlicht am: 1. Oktober 2015

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Schon beim Titel denkt man sich, dass das kein ganz gewöhnliches Modebuch sein kann. Frauen und Kleider. Das ist so schnurgeradeaus. So zurückhaltend und gleichzeitig schon verdammt kühn, denn es verspricht erstmal: alles.

Das Bemerkenswerte an diesem tatsächlich ganz und gar ungewöhnlichen Buch über Mode ist, dass es sogar noch viel mehr über Frauen und ihre Kleider zu sagen hat, als die Ansage im Titel erwarten lässt. Heidi Julavits, Sheila Heti, beides Schriftstellerinnen, und die Illustratorin Leanne Shapton, die ebenfalls Schreiberin ist, wollten wissen, warum Frauen sich so anziehen, wie sie sich anziehen. Ihre Fragen haben sie an über 500 Frauen geschickt (im englischen Original sind es mehr als 600), an berühmte wie Lena Dunham, Miranda July und Kim Gordon, die neben unbekannten Näherinnen, Lehrerinnen oder Transfrauen stehen. Die Antworten, die in Seitenleisten gesammelt sind, aber auch als ausführliche Interviews, Essays, Fotostrecken und Illustrationen verarbeitet werden, sind so vielfaltig wie die Protagonistinnen und entblößen, wie viel mehr Kleider über uns erzählen als die Information, wo wir letzte Woche geshoppt haben.

Und vielleicht mussten ja erstmal diese drei Autorinnen daher kommen, um daran zu erinnern, dass man von Mode begeistert sein kann, ohne weder trivial noch wichtigtuerisch darüber zu schreiben. Man ist ihnen jedenfalls irrsinnig dankbar für dieses umwerfend clevere, komische, weise und rührende Buch, von dem man sich nie nicht ernst genommen fühlt.

Es das vierte Buch von Leanne Shapton, das ich nach Was She Pretty?, Bedeutende Objekte… und Bahnen ziehen gelesen habe, und von mir aus könnte sie als nächstes eine Bedienungsanleitung für Rasenmäher schreiben, ich würd’s kaufen. Sie ist beschämend brillant darin, die Magie im Gewöhnlichen und Schönheit in unseren Unsicherheiten zu sehen. Und wie das so ist, wenn man jemand unbedingt mal treffen möchte, hätte ich mich beinahe nicht getraut, das Interview mit ihr anzufragen. Ich hab’s natürlich doch gemacht. Sie war so wunderbar wie gehofft.

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Wenn man die meisten Modebücher aufschlägt, bekommt man eine Anleitung dafür, was man tragen soll. Beim Lesen von „Frauen und Kleider“ hatte ich dagegen das Gefühl, teil einer Unterhaltung über Mode zu sein.
Der große Unterschied zu anderen Büchern ist, dass wir nicht versuchen, jemandem etwas zu verkaufen. Außer Bücher!

Heidi und Sheila sind Schriftstellerinnen, du hast ebenfalls einen literarischen Hintergrund und bist Künstlerin. Was hat euch drei dazu gebracht, zu sagen: Lass uns ein Buch über Klamotten machen?
Sheila suchte genau dieses Buch. Und konnte es nirgends finden. Sie ist Schreiberin, Mode spielt in ihrem Alltag keine Hauptrolle, aber ihr Freund interessiert sich sehr für dafür und sie fragte sich, ob ihr Kleidung mehr bedeuten sollte. Aus der Neugierde heraus, wie andere Frauen, die nicht in der Modeindustrie arbeiten, sich anziehen und warum, fing sie an, Fragen an ihre Freundinnen zu schicken. Ich bekam sie, Heidi auch, und Heidi sagte dann: Das ist ein Buch! Wir hatten das Gefühl, das es noch reichlich Platz für etwas gäbe, in dem Frauen – echte Frauen, nachdenkliche Frauen, intellektuelle Frauen, reiche, arme, weiße, schwarze – über Kleider reden.

Ich war zuerst irritiert, in einem Modebuch kaum Bilder zu sehen. Warum habt ihr euch dagegen entschieden, die Frauen zu zeigen, mit denen ihr gesprochen habt?
Ich habe das Buch zwar gestaltet, aber darin waren wir uns früh einig. Sheila hat es perfekt auf den Punkt gebracht: Wenn du ein Bild von einer Frau siehst und dazu einen Text in Ichform liest, gehst du automatisch auf Abstand zu ihr, weil sie zu dir spricht, nicht für dich. Aber wenn man das Bild wegnimmt, wird ihre Stimme zu deiner und das macht dich sofort emphatischer.

Beim Lesen habe ich mich dennoch oft gefragt „Wie sie wohl aussieht?“ und dann auf Google nach Bildern gesucht.
Uns ging es nicht anders als wie die Antworten bekamen. Wir haben eben alle dieses Bedürfnis danach, einen Beweis zu sehen und abzugleichen. Fotografie ist in den letzten Jahren explodiert, gerade durch Blogs und Instagram. Die Verbindungen, die wir zu anderen durch Fotos eingehen, sind sehr komplex und ich glaube, dass uns diese Bilderflut eher taub macht, statt uns zu sensibilisieren. Das Buch ist unser Versuch, den Impuls zu Spontanurteilen wieder zu verlernen.

Wie hat die Arbeit am Buch deinen Blick verändert?
All diese Geschichten von all diesen Frauen, die sich in vielem auch widersprechen, haben mich weniger voreingenommen gemacht. Wenn ich jetzt eine Frau auf der Straße sehe, denke ich mehr darüber nach, warum sie ausgesucht hat, was sie trägt, statt gleich zu denken: Ich hätte das nie angezogen. Klar, es macht Spaß, Noten zu verteilen. Aber ich glaube, wenn eine Frau dieses Buch gelesen hat, wird sie weniger das Gefühl haben, in einem ständigen Wettbewerb zu sein.

Viele der Frauen, die ihr interviewt habt, sagen, dass sie durch das Vergleichen mit anderen zu ihrem Stil gefunden haben. Was inspiriert dich?
Gemälde, besonders von Edvard Munch, Pierre Bonnard und Edward Vuillard, der oft Frauenkleider gemalt hat. Ich liebe die Silhouetten und Muster aus dieser Zeit. Manchmal sind es auch die Farbkombinationen in abstrakter Kunst. Im New Whitney Museum in New York hängt ein Willem de Kooning, dessen Farben ich sofort tragen würde. Aber mich inspiriert auch, was andere Frauen tragen. Das Schöne daran, an diesem Buch zu arbeiten war zu sehen, dass viele Mode eben nicht als Mittel zur Konkurrenz verstehen.

Oft vergleichen wir nicht nur untereinander, sondern mit einem Bild von der perfekten Frau, das immer außer Reichweite bleibt. Liegt es daran, dass Mode mit Selbstoptimierung gleichgesetzt wird?
Die Ansprache, besonders in Frauenzeitschriften, ist jedenfalls: Wir zeigen dir, wie du deine Mängel beseitigen kannst. Was wahnsinnig überheblich ist. Ehrlich gesagt, widerlich. Ich würde so nicht mit meiner Tochter reden. Warum redet ihr dann so mit mir?

Es wirkt leider. Mir fällt eine Anleitung aus der britischen Vogue ein, ein Magazin, das ich sogar sehr mag, in dem es spezifisch darum ging, welche Kleidungsstücke welche Problemzonen am besten tarnen. Danach dachte ich: Sollte ich mir darüber Gedanken machen, wie die Rückseite meiner Knie in einem Rock aussieht?
Wir sind eine Generation von Frauen, die ihre Arme problematisch finden. Himmel, Arme sind nie problematisch! Unsere Enkeltöchter werden uns einmal dafür auslachen. Hoffentlich. Ich mag Modemagazine, trotzdem liest man diese Zeitschriften und denkt: Ich habe trockene Stellen an den Ellenbogen, wie furchtbar. Wenn man Kinder hat, kommt man darauf, dass man nicht die Art von Mutter sein will, die ihrer Tochter sagt: Schätzchen, du solltest mal über ein Peeling nachdenken. Aber wie man es macht, macht man es wahrscheinlich falsch. Irgendwann wie sie sauer sein, weil ich ihr nie gesagt habe, dass sie trockene Ellenbogen hat.

Wie alt ist deine Tochter?
Sie ist zwei. Doch selbst in dem Alter wird mit Mädchen schon anders geredet als mit Jungs. Ich bin da nicht unschuldig. Einem Mädchen sage ich „Du bist hübsch“. Einem Jungen sage ich das vielleicht auch, aber immer mit einem Zusatz wie „Du bist clever“ oder „Du bist mutig“. Das ist doch irre. Was denn, wenn sie eines Tages nicht mehr so hübsch ist? (Lachen) Ach, ich glaube sowieso, dass wir nicht aussehen wie wir aussehen, bis wir 40 sind.

Und du bist…
42.

Hat das Älterwerden deine Einstellung zu Mode verändert?
Was die Bedeutung von Mode für mich wirklich relativiert hat, ist dieses Buch. Ich bin es so leid, über Kleidung zu sprechen. (Lachen) Aber, ja, Alter hat viel damit zu tun, wie wohl ich mich mit mir selbst fühle. In allen Bereichen des Lebens. Man wird einfacher weniger unsicher.

Viele Frauen im Buch haben zu Mode eine emotionale Bindung. Welche Geschichten haben dich am meisten berührt?
Mich haben die Erzählungen der Näherinnen sehr bewegt, wie das Interview mit Reba Sikder, die den Einsturz des Rana Plaza überlebt hat. Zu hören, was Kleidung für sie bedeutet, hat mir bewusst gemacht, welche Menschen meine Kleider berühren, bevor ich sie kaufe. Die Scheuklappen sind runter. Ich will damit nicht sagen, dass ich jetzt besser shoppe, aber dadurch, dass ich viel Vintage kaufe, kann ich einen kleinen Beitrag zum Recycling leisten. Wir haben einfach einen horrenden Überfluss an allem.

Für das Buch hast du Dinge fotografiert, die Frauen vielfach kaufen.
Darin steckt ein Kommentar zu unserem Konsum, aber vor allem war es ein Weg, Porträts von Frauen zu machen, ohne sie zu zeigen. Der Leser sieht eine Sammlung Clogs und kann sich ein eigenes Bild von der Frau machen. Mir gefällt, dass es die Porträts so indirekt sind, sehr spezifisch, aber auch ein wenig düster. Warum so viele von dem gleichen Teil? Warum suchen wir ständig nach dem Ideal von etwas?

Bei dir sind es weiße Hosen. Sechzehn Paar sind im Buch zu sehen. Warum ausgerechnet dieses Kleidungsstück?
Ich mag Uniformen, besonders von Reitern. Wahrscheinlich kommt es daher. Ich glaube, jede Frau hat eine Art Uniform, auf die sie immer wieder zurückgreift. Bei mir sind es weiße Hosen, eine Seidenbluse und Turnschuhe. Wenn ich das trage, denke ich nicht darüber nach, was ich trage.

Heute trägst Du dagegen einen Rock, ein Sweatshirt und Overknee-Stiefel. Wonach hast du heute morgen entschieden, was du anziehst?
Es war das, was im Koffer noch sauber war. Wobei irgendwo auf diesem Pullover bestimmt Joghurtfinger von meiner Tochter sind. Außerdem fahre ich später mit dem Zug, das Outfit musste also bequem sein. Eine rein praktische Entscheidung. Heidi nennt es: Anziehen für die unmittelbare Zukunft. Man schreibt eine Kurzgeschichte mit seinen Kleidern, um sich auf das Bevorstehende einzustimmen. Wenn man sich mit einer alten Freundin trifft, will man eine andere Aussage machen als beim morgendlichen Trip zum Kindergarten.

Kannst du dich erinnern, wann du das letzte Mal etwas gekauft hast, für das du noch keine Geschichte parat hattest?
Es gibt diesen Vintageladen in Toronto, den ich sehr mag, und einmal holte der Besitzer diesen seltsamen Overall aus dem Keller und sagte: Der würde dir gut stehen. Ein Freund, der mit mir dort war, machte ein Kompliment und obwohl ich mir den Overall nie selbst ausgesucht hätte, kaufte ich ihn. Ein wirklich merkwürdiges Teil, ein handgemachter Einteiler aus Seersucker. Ich sehe darin aus wie ein Riesenbaby! Aber, he, ich mag es, zu Dingen überredet zu werden.

In welchen Kleidern fühlst du dich am meisten wie du?
Eine meine Lieblingsrubriken im Buch ist „Ich fühle mich am attraktivsten, wenn…“. Eine Frau antwortete: In meinem Nachthemd, draußen, mit einer Pistole in der Hand. Ich liebe es, dass sie sich diesen Moment ausgesucht hat. Ich weiß nicht, ob meine Antwort so interessant ist wie ihre, aber ich fühle mich am wohlsten in einem Badeanzug, bis zum Hals unter Wasser.

Autorenfoto: Heike Steinweg

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6 Kommentare

  1. Julia
    Posted 1. Oktober 2015 at 15:09 | Permalink

    Tolle Frau! Ich habe Swimming Studies so gerne gelesen und werde mir jetzt ganz schnell dieses Buch besorgen. Danke für das Interview!
    PS Ich hoffe sehr, dass du uns wieder deine Fall Favorites verrätst.

    • Marlene
      Posted 8. Oktober 2015 at 14:30 | Permalink

      Ah, wie lieb, dass Du danach fragst. Mach ich! Sogar noch im Oktober…

  2. Laura
    Posted 19. Oktober 2015 at 17:52 | Permalink

    Hi Marlene, wie toll, dass du sie interviewen konntest. Ich himmele sie auch schon lange an, superduper Frau! Das Buch habe ich gerade von vorne bis hinten durchgelesen und fand es extrem gut. Ich mag, dass es nicht „von Fashionistas für Fashionistas“ ist, sondern irgendwie viel demokratischer. Einfach ein Buch von Frauen für Frauen.
    Liebe Grüße, Laura

Ein Trackback

  1. Von bucket of joy | spruced am 30. Oktober 2015 um 14:49
  2. Von the christmas giveaway | spruced am 14. Dezember 2015 um 01:56
  3. Von the christmas giveaway | spruced am 14. Dezember 2015 um 02:00

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