spruced by marlene

about a boy

Von Marlene | Veröffentlicht am: 29. August 2016

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Vor kurzem haben wir beim Arzt einen dieser Fragebögen zu Arlo ausgefüllt, die man als Eltern scheinbar ständig beantworten muss. Wann hat er sich zum ersten Mal gedreht? Wann gekrabbelt? Wann die ersten Schritte gemacht? Wir wussten so einiges nicht mehr genau. Dabei dachten wir in jedem dieser Momente wahrscheinlich, dass wir ihn nie vergessen würden.

Ich erinnere mich dagegen ganz klar, wie sehr Arlo es liebte, sich auf dem Wickeltisch auf die Seite zu drehen, sich mit dem Unterarm abzustützen und den anderen Arm auf die Hüfte zu legen, wie Burt Reynolds auf einem Bärenfell. Ich erinnere mich, wie er zum millionsten Mal eine Ecke vom Wohnzimmerteppich anhob, als würde er dieses Mal wirklich etwas darunter finden. Wie er sich bei seinem allerersten Biss in ein Eis nicht erschrak, sondern sofort mehr, mehr, mehr wollte. Wie Shampooflaschen plötzlich zum faszinierendsten Spielzeug der Welt wurden. Wie er beim Vorlesen aufhörte, die Seiten selbst schnell umblättern zu wollen und zuhörte, aber nur, wenn Oma ihm vorlas.

Wenn ich mit nur einem Wort beschreiben müsste, wie die ersten Jahre mit ihm waren, dann mit: erstaunlich. Erstaunlich, dass er wirklich schon zwei Jahre und zwei Monate… nein, drei Monate alt ist. Erstaunlich, dass ich Arlos Alter mal in Tagen gezählt habe. Jetzt muss ich überlegen, wie viele Monate plus zwei Jahre er alt ist. Nicht, weil es weniger wichtig wäre. Es kommt mir bloß mit jedem Tag selbstverständlicher vor, seine Mutter zu sein. Und ich bin trotzdem dauerhaft verblüfft darüber, dass er nicht nur mein Kind ist, das sich irgendwann zum ersten Mal drehte, krabbelte und lief. Sondern, dass er sein ganz eigener Mensch ist, der zu uns gehört. Der so lustig ist, so wild und zahnlückenfrech.

Ein Mensch, der nicht schlafen kann, wenn seine Füße bedeckt sind. Der findet, dass man Eis am besten umgedreht isst, weil er die Waffel am liebsten mag. Der etwas gegen geschlossene Türen hat und sofort protestiert, wenn man es wagt, mal kurz allein ins Badezimmer zu wollen. Der immer nach dem Ausgang sucht. Spielplatz? Langweilig! Viel interessanter, sich einen Weg durchs Gebüsch zu bahnen, zum Gehweg, zur Freiheit. Als ich gerade mit ihm in Dänemark war, hat er sich kurz im Garten meiner Eltern umgeschaut und sich dann prompt auf den Weg in den Nachbargarten gemacht. Spazierengehen dauert mit Arlo gerade 13 Mal so lang wie ohne Arlo, weil er prinzipiell in die andere Richtung will oder mal kurz abbiegen muss, um sich unter ein paar Bäume zu legen, die Finger in den Himmel zu recken und sich etwas vorzusingen. Ich muss dann arg aufpassen, nicht vor Liebe zu erstarren, denn… Arlo? ARLO? Verdammt, er ist schon wieder weiter. Er ist so furchtlos, dass es mir manchmal Angst macht. Und so willensstark, dass ich mir oft vorkomme wie in einem Debattierclub. Ich befürchte, sobald er in zusammenhängenden Sätzen redet, haben wir keine Chance mehr.

Andererseits könnte er uns dann erklären, warum es zum Einschlafen so wichtig ist, mindestens eine halbe Stunde lang die Kissen zuerst an ein Ende des Betts und dann ans andere Ende zu wühlen. Und warum er dabei mit dem linken Bein, immer mit dem linken Bein, auf die Matratze schlagen muss. Warum Straßenbahnen das absolut Allerbeste sind. Außer Wasser, das ist noch besser. So viel besser, dass er sich neulich im Aquarium prompt in den (glücklicherweise seichten) Teich zu den Kois gesetzt hat. Warum er seinen Kopf auf unsere linke Schulter, immer auf die linke Schulter, legt, wenn er sich ausruhen will, auftanken muss und für einen Moment wieder klein ist. Ach, das mit der Schulter soll er mir gar nicht erklären. Er soll es ruhig einfach noch eine ganze Weile so machen.

Letzte Woche war ich allein zuhause. Zuerst war ich mit Arlo in Dänemark, dann James mit ihm in England. Wir hatten die Idee, das uns Erwachsenen das ganz guttun könnte, nach einem pausenlosen ersten Halbjahr 2016 und vor dem drohenden nahenden Umzug. Und das tat es. Ich habe mich trotzdem ständig gefragt, was er macht, wie es ihm geht, was ich verpasse. Es war nicht das erste Mal, dass wir getrennt waren. Aber das erste Mal für so lang. Jedes Mal, wenn James ein neues Foto schickte, dachte ich: Ist er schon wieder erwachsener geworden? Kann doch gar sein, dass er nun schon so groß ist! Dann habe ich mir die alten Bilder von ihm auf meinem Handy angeschaut. Überwältigt, wie zart er einmal war. Er kam so klein auf die Welt, dass er und der kräftige, selbstbewusste, mutige Junge, der Arlo heißt und bei uns wohnt, kaum der gleiche Mensch sein können.

Ich hatte nicht erwartet, dass ich zwischendurch so melancholisch werden würde und sicher lag es auch daran, dass wir nicht mehr lang hier sind. Ich freu mich auf die neue Wohnung. Sehr. Aber wir verlassen auch Arlos erstes Zuhause, in das ich ihn an einem Tag im Mai vor zwei Jahren getragen habe. Ich erinnere mich, dass wir an diesem ersten Abend Spaghetti Bolognese gegessen haben, die meine Mama vorgekocht hatte und nichts sagten, nur immer wieder zum Sofa schauten, wo Arlo eingepuppt lag und schlief, und uns blöd angrinsten, weil wir nicht glauben konnten, dass er nun da war. Unser Sohn.

Das Einpuppen habe ich nie so gut hingekriegt wie seine Hebamme. Ein paar Dinge weiß ich inzwischen aber doch, an die ich mich erinnern möchte. Auch wenn es dazu nie einen Fragebogen geben wird.

Du wirst nicht vorbereitet sein. Nicht auf die Müdigkeit. Nicht auf die Anstrengungen. Nicht auf die Unaufhörlichkeit. Aber vor allem nicht auf den Moment, wenn Arlo zu dir kommt, dir einen Nasenkuss gibt und deine Gefühle für dein Kind die Müdigkeit, die Anstrengungen und die Unaufhörlichkeit wegschwemmen.

Du wirst keiner werdenden Mutter raten, vor der Geburt schön viel zu schlafen. Vorschlafen? Mwahahahahaha. Hahaha. Ha. Hargh.

Du wirst überhaupt versuchen, nicht ungefragt gute Ratschläge über das Elternsein zu geben. Außer vielleicht diesen: Humor hilft. Humor und abwischbare Oberflächen.

Du wirst nicht perfekt sein. Du wirst die Geduld verlieren. Genervt sein. Ratlos. Schlecht gelaunt. Enttäuscht von dir selbst, dass du nicht alles schaffen wirst. Du wirst zum Beispiel kein wöchentliches Tagebuch für Arlo führen, wie du es dir vorgenommen hattest, nicht mal ein monatliches, sondern nach zwei Jahren in einem Blogpost versuchen, alles aufzuschreiben, was dir nicht gelingen wird. Du wirst die Zeit auf dem Spielplatz nutzen, um Emails auf dem Handy zu schreiben. Du wirst nicht jede Mahlzeit aus Bio-Gemüse kochen. Du wirst ihm Peppa-Pig-Videos auf dem Handy zeigen, damit mal für fünf Minuten Ruhe ist. Na schön, für 10 Minuten. OK, für 20. Du wirst auf der Stelle aufhören müssen, wegen irgendetwas davon ein schlechtes Gewissen zu haben. Du wirst nicht perfekt sein. Aber ziemlich gut. Und das ist gut genug.

Du wirst auch kein schlechtes Gewissen haben, weil du dich auf eine Woche allein, aaaaallllleiiiiinnnnnnn, freust wie ein Kind auf Weihnachten. Zwar haben James und Arlo dir das Alleinsein, so wie du es früher konntest, für immer versaut, was eine wunderschöne Erkenntnis für dich sein wird. Aber diese Tage ohne Stoppuhr, und erst die Abende, an denen du ewig auf dem Wohnzimmerboden sitzen geblieben bist, in alten Magazinen geblättert und viel zu viel Rotwein getrunken hast, erst um 1 Uhr schlafen gegangen bist und dich in der Mitte des Betts breitgemacht hast, diese Tage und Abende sind dir heilig.

Ja, Rotwein und um 1 Uhr ins Bett. Du bist jetzt langweilig. Es wird dich kein bisschen stören.

Du kannst auch deshalb die Mutter sein, die du bist, weil James der Vater ist, der er ist. Du wirst unendlich dankbar für diesen Mann sein. So sehr, dass du dir zutrauen kannst, ihm zu sagen: Ich weiß gerade nicht weiter.

Du wirst trotzdem aufhören müssen, ihn mit „Papa“ anzusprechen, wenn Arlo gerade nicht in der Nähe ist. Sofort. Also, jetzt sofort.

Du wirst nicht aufhören können, dir ständig neue Spitznamen für Arlo auszudenken. Einer dämlicher als der andere.

Professor Unrulius Nudlington, ähm, Arlo wird dir beibringen, neue Prioritäten zu setzen. Ein Löffel Milchreis im Mund ist entscheidender als fünf Löffel Milchreis an der Küchenwand. Zehn Minuten länger schlafen schlägt duschen. Die Wohnung gilt als aufgeräumt, so lange man die Türen zu den Zimmern öffnen kann.

Und an der Supermarktkasse sehr laut und schief Bare Necessities aus dem Dschungelbuch vorzusingen, ist dem öffentlichen Nervenzusammenbruch vorzuziehen, den Arlo bekommt, wenn du nicht singst.

Dir wird weniger peinlich sein. Auch die Blicke der Leute, die es stört, wenn dein Kind an der Supermarktkasse die Nerven verliert. Die finden, dass du etwas anders machen solltest. Dir werden einige Leute begegnen, die ganz schön viel finden, über Kinder, über deren Erziehung, über dich als Mutter. Achte nicht auf sie.

Halt lieber Ausschau nach den Blicken, die dir helfen. Meist werden es andere Mütter sein, die hinter dir in der Schlange anstehen und dich wortlos anschauen, mit diesem Blick, der sagt: Ich weiß genau, wie es dir gerade geht. Mach dir keinen Kopp. Schreianfälle sind völlig normal.

Du wirst mehr Fragen haben als Antworten. Du wirst aber auch von Frauen umgeben sein, die ähnliche Fragen haben und es wird unendlich guttun, Zweifel zu teilen und sich gegenseitig zu unterstützen.

Auch in Fragen wie „Gibt’s hier noch jemanden, der manchmal schlicht vergisst, nach dem ersten Bein auch das zweite zu rasieren?“

Du wirst dir vertrauen müssen, die richtigen Entscheidungen für Arlo zu treffen. Es wird dir leichter fallen als du denkst, weil du spürst, dass er dir vertraut (auch wenn er schon als Zweijähriger selbstverständlich alles besser weiß als du).

Du wirst dir dennoch Gedanken machen, ob du nicht nur in der Lage dazu bist, für ihn zu sorgen, sondern ihn zu erziehen. Besonders, wenn gerade der sechste Löffel Milchreis mit Karacho an die Küchenwand fliegt und er es besonders lustig findet, wenn du „nein“ sagst. Aber vielleicht solltest du dich in solchen Momenten daran erinnern, dass du vermutlich auch ein wenig damit zu hast, dass er so furchtlos ist, so liebevoll und so neugierig.

Du wirst nicht nur ihm, sondern er dir viel beibringen. Du wirst innerhalb von zwei Jahren zum Chirurg werden, Spezialgebiet Splitterentfernung. Wirst in den diplomatischen Dienst eintreten. Ein erfolgreiches Catering-Unternehmen führen. Eine Beschwerde-Hotline leiten. Wirst Bauklotzingenieur, Zirkusclown und Seebadexperte werden. Unter anderem.

Weißt du noch? Die Sache mit dem nicht vorbereitet sein? Auch nicht darauf, wie stolz du immer wieder sein wirst. Zum Beispiel als er zum ersten Mal allein die Rutsche runter in deine Arme sauste. Du wirst ihm wünschen, dass er die pure Freude dieses Moments ewig bewahrt, auch wenn er sich nie daran erinnern wird.

Du wirst dir Sorgen machen. Sie werden weniger akut werden als am Anfang, als du ständig nachgucken musstest, ob er noch atmet oder ihr für den ersten Besuch der Hebamme nach der Geburt eine Liste mit circa 27 Fragen vorbereitet hattet. Fragen wie „Warum blinzelt er so selten?“ (Antwort: Ist bei Babys so. So wie vieles bei Kindern einfach so ist und ganz normal). Aber auch jetzt wirst du abends nach dem Einschlafen manchmal neben ihm sitzen bleiben, ihn anschauen und so sehr beschützen wollen, dass du heulen könntest.

Du wirst lieben wie nie zuvor.

Du wirst hoffen, dass die Liebe immer größer ist als die Sorgen.

Du wirst seine Mutter sein, einfach so.

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36 Kommentare

  1. Svenja
    Posted 29. August 2016 at 09:59 | Permalink

    Wow! Endlich fasst jemand meine Gefühle in Worte! Peppa Wutz ist die beste! <3

  2. Jen
    Posted 29. August 2016 at 10:28 | Permalink

    Oh danke für diesen Beitrag, der garantiert sehr vielen aus dem Herzen spricht!
    Besonders der letzte Absatz – ich habe zwei kleine Mädchen, eine 2 eine 4, und ich denke jeden Tag, hoffentlich bleibt die Liebe und das Vertrauen größer als die Sorgen und die Angst!!

    Ein andere Erkenntnis habe ich noch, die hast du angesprochen und ich möchte sie unterstreichen, weil man sonst vor allem überall andere Mütter Bashings liest: Ich empfinde die Solidarität unter uns Müttern als wahnsinnig hilfreich und toll. Ich erlebe bei weitem mehr Unterstützung als Kritik oder Kopfschütteln. Letztlich hilft das auch ganz besonders beim wichtigsten Punkt, der mit dem Humor 😉

  3. Andrea
    Posted 29. August 2016 at 10:39 | Permalink

    Wuuuunderschön! <3

  4. Kati
    Posted 29. August 2016 at 11:22 | Permalink
  5. Angie
    Posted 29. August 2016 at 12:39 | Permalink

    Most beautiful article and … Just the real life. THANK YOU for these words.

  6. Agnes
    Posted 29. August 2016 at 13:20 | Permalink

    Wirklich wunderschön. Danke.

  7. Jessie
    Posted 29. August 2016 at 13:58 | Permalink

    Oh Marlene, wie schön! Ich hab rotz und Wasser geheult! So auf den Punkt- und ein Hoch auf Peppa Pig!!

  8. pi
    Posted 29. August 2016 at 14:38 | Permalink

    danke für deine worte. so wunderschön und so wahr
    mein mädchen ist auch so willensstark und furchtlos, dass es mir manchmal fast angst macht.
    aber eben auch so wild und frech und wunderbar, wie man es sich nur wünschen kann.
    sich auf das leben (und vor allem auf den moment) mit kind einzulassen ist eine so große herausforderung, dass man es sich vorher schlichtweg nicht vorstellen kann. aber eben auch so eine große bereicherung. kinder intensivieren das leben, seine höhen und tiefen. you gotta embrace the moment, the chaos and the love <3

  9. Caro
    Posted 29. August 2016 at 15:38 | Permalink

    Wundervolle Worte über das Mamasein, Arlo und dich selbst. Love it! Alles Gute weiterhin für eure Familie ❤

  10. Mette
    Posted 29. August 2016 at 22:14 | Permalink

    Beautiful, Marlene! Wish we vould live closer so I could give you a huge hug. Miss you xx

    • Marlene
      Posted 30. August 2016 at 11:22 | Permalink

      Miss you, too! Can’t believe it’s been a year again already. I saw Sidsel and her little one in CPH a few weeks ago. We should really think about that idea of renting a summerhouse for all of us next summer, no? The dads can take care of the babies and we can drink, I mean, socialize!

  11. Moni
    Posted 29. August 2016 at 22:20 | Permalink

    Oh gott wie genial treffend!!!! Schön zu lesen dsss man nicht allein ist 《3

  12. Jeannine
    Posted 29. August 2016 at 22:21 | Permalink

    Vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel. Ich bin darin versunken, so vieles kommt mir so bekannt vor. Danke, dass du diese unbeschreiblichen Gefühle so vorsichtig und liebevoll in Worte gefasst hast. Du hast mich wirklich berührt. Alles Liebe!

  13. Anne
    Posted 29. August 2016 at 22:34 | Permalink

    Wunderschön. Danke.

  14. Tanja
    Posted 29. August 2016 at 23:17 | Permalink

    Großartig. So war ist es bei uns auch! Mit dem ersten, nun fast 4… und mit dem zweiten nun fast 2.

  15. Moehre
    Posted 29. August 2016 at 23:49 | Permalink

    SO ein schöner Text! Dankeschön dafür!

  16. Alexa
    Posted 30. August 2016 at 08:14 | Permalink

    Marlene, ich sitze hier und muss lachen und weinen. Der kleine Mann, schon so groß! Ich liebe diesen Text und euch sowieso!

  17. Nastassja
    Posted 30. August 2016 at 11:04 | Permalink

    Ja, das gibt es: Mütter, wie im Text beschrieben. Und solche, die beim Lesen vor Rührung weinen, sich selbst wiederfinden.
    Und dann gibt es solche Mütter wie mich: Die beim Lesen weinen, weil sie so gerne auch so wären. Weil sie auch gerne diese so oft beschriebene grenzenlose Liebe zu ihrem Kind spüren würden, weil sie auch gerne einmal sagen würden, dass die Liebe zum Kind all die schlaflosen Nächte, Anstrengungen und Mühen tausendfach aufwiegt. Aber die Wahrheit ist so viel bitterer. Ich fühle mich nur als Mutter, weil ich weiß, dass ich dieses Kind geboren habe. Meine fehlenden Gefühle versuche ich durch extra Zuwendung auszugleichen, ich trage das Kind durch die Nächte, stille es, spiele mit ihm. Das schlechte Gewissen bleibt. Und ich merke, wie mir die Kraft schwindet – denn ich kann eben nicht auftanken, weil ich das Kind anschaue und grenzenlose Liebe verspüre. Für mich gibt es nur das tägliche Pflichtprogramm, ein ewiges Drehen, ohne dass ich von der Stelle käme. Und dann lese ich immer wieder solche Texte wie den obigen und wünsche mir, nur einen Bruchteil dieser Gefühle für wenigstens einen Augenblick spüren zu dürfen.

    • Marlene
      Posted 30. August 2016 at 11:40 | Permalink

      Liebe Nastassja, darf ich fragen, wie alt Dein Kind ist? Das musst Du mir natürlich nicht verraten, aber Dein Kommentar ist mir sehr nah gegangen und ich würd Dir gerne helfen. Wobei ich selbst vielleicht gar nicht viel machen kann, außer zu sagen: Ich kenne das auch. Die große Müdigkeit. Das Drehen um die ewig gleichen Erledigungen, jeden einzelnen Tag. Die Kraftlosigkeit. Und, nein, manchmal reicht kein Nasenkuss von meinem Kind, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Mir hilft: Zeit für mich. Das muss keine ganze Woche ein. Es kann schon ein Nachmittag reichen, an dem ich keine Verpflichtungen habe. Und weißt Du, was mir auch geholfen hat? Dass Arlo in die Kita kam, wo er wunderbar aufgehoben ist. Deshalb frage ich auch, wie alt Dein Kind ist, denn gerade in der ersten Zeit klebt man ja wahnsinnig aneinander. Ich hoffe, ich trete Dir nicht zu nahe, aber könnten es bei Dir vielleicht postpartale Depressionen sein? Ich frage das, weil ich einige Frauen kenne, die die Zeit nach der Geburt so erlebt haben und sich große Vorwürfe gemacht haben für etwas, das sie selbst gar nicht beeinflussen konnten, und denen eine Therapie half. Ich war zwar von postpartalen Depressionen nicht betroffen, aber ich gehe auch zu einer Therapeutin, bei der ich alles abliefern kann, was ich den ganzen Tag so mit mir rumschleppe. Auch das hilft. Ich wünsch Dir, dass Du bald wieder zu Kraft kommst und weniger traurig bist. Du bist nicht allein. Marlene

      • Nastassja
        Posted 1. September 2016 at 16:02 | Permalink

        Liebe Marlene,

        wow, wie schön, eine Antwort von dir zu bekommen, damit hätte ich nie gerechnet! Danke…

        Mein Großer ist jetzt 3, der Kleine ist 9 Monate alt. Beide gehen, jeweils seit sie 8 Monate alt sind, für drei Tage in der Woche in die Kita, das sind die Tage, an denen ich arbeite. (Der Mutterschaftsurlaub hier in der Schweiz, wo ich lebe, beträgt nur 14 Wochen. Die Zeit von 14 Wochen bis 8 Monate habe ich jeweils anders organisiert und viel am Abend/Wochenende gearbeitet.)

        Eine postpartale Depression kann ich ausschließen. Zwar hatte ich kein euphorisches Gefühl in der ersten Zeit, aber auch keine Depressionen – und die kenne ich, da ich seit Jahren dagegen ankämpfe. Im Gegenteil: Seit meine Kinder auf der Welt sind, hatte ich keine wirklichen Schübe mehr, weil ich dafür gar keine Zeit mehr habe 😉 Eine Therapie habe ich früher einmal gemacht, aber bin damit irgendwie nicht warm geworden. Vielleicht war es nicht die richtige Therapeutin, vielleicht hat das Setting nicht gestimmt, ich weiß es nicht. Und jetzt habe ich keine Zeit mehr, mich um so etwas zu kümmern, da ich entweder arbeite oder die Kinder betreue.

        Ich bin manchmal verzweifelt über meine fehlenden Gefühle, dann wieder denke ich, dass ich das beste daraus mache – aber es bleibt einfach immer diese Traurigkeit. Etwas fehlt und ich weiß nicht, woher ich das holen und wie ich das ausgleichen soll…

    • Jen
      Posted 30. August 2016 at 12:36 | Permalink

      Ich möchte dich drücken und dir sagen: Du bist damit sicher nicht allein. Auch wenn ich sagen kann, diese Gefühle fühlen zu können, habe ich die ersten 8 Monate mit meiner zweiten Tochter nur gelitten. Ich hatte schon während der Schwangerschaft Depressionen und war in Behandlung deshalb. Ich dachte, mein Leben ist zuende, für immer. MEIN Leben. Alle haben scheinbar so viel anderes und Ausgleich und auch gleich den Dreh raus, viel für sich zu machen, nur ich nicht.
      Auch, wenn es wirkich viel viel besser geworden ist, habe ich in besonders stressigen Wochen – und die gibt es zu genüge! – auch noch den Wunsch nach Einsamkeit und allein sein. Nach keine Kinder haben müssen. Ich weiß nicht, ob das normal ist. Ich weiß auch nicht, ob man dafür eine Therapie machen sollte – aber helfen tut es bestimmt! Vor allem lass dich nicht entmutigen von zu vielen „happy“ stories. Du bist ganz sicher nicht allein mit diesen Gefühlen, nur redet darüber niemand gern!

      • Nastassja
        Posted 1. September 2016 at 16:06 | Permalink

        Danke, Jen, für deine Worte. Genau: Keiner redet darüber, ich glaube, das ist ein Problem. Und ich fühle mich immer noch unzulänglicher, weil ich ständig rosa Seifenblasen sehe bei den anderen. Beim Schlaf-Thema konnte ich irgendwann damit umgehen: Alle erzählen von schlafenden Kindern, nur meine (beide!) verdienen nicht einmal den Titel „schlechte Schläfer“, weil von Schlaf kaum die Rede sein konnte und kann. Inzwischen rede ich nicht mehr darüber.
        Aber das andere, wie Mütter mit ihren Kindern umgehen, wie sie strahlen, sich freuen, liebevoll schauen und angeschaut werden – dem kann man nicht aus dem Weg gehen. Ich sehe das und denke, das will ich auch! Aber wie?

    • Posted 30. August 2016 at 19:57 | Permalink

      Nastassja, ich kenne das auch. Dieses ewige Drehen. Und weißt du was? Wir beschränken die Liebe oft so sehr auf ein Gefühl, auf eine Stimmung, eine ganz große Emotion, Deine Liebe ist doch da! Du schrieibst, dass du das Kleine durch die Nächte tragst, es stillst, mit ihm spielst. Da ist doch alles richtig und gut! Liebe ist doch viel mehr als ein Gefühl, sie ist Handeln. Handeln, das das Wachstum und das Leben eines anderen fördert. Sie ist also bei dir längst angekommen, wenn sie vielleicht auch anders aussieht, als du gewünscht und geträumt hast. Ich wünsche dir sehr, dass es dir gut geht damit. Du bist genau so, wie dein Kind dich braucht. Hugs and kisses, mö

      • Marlene
        Posted 30. August 2016 at 21:45 | Permalink

        Wunderschön gesagt, Mö. Von Herzen danke.

      • Nastassja
        Posted 1. September 2016 at 16:08 | Permalink

        Danke- deine Worte werde ich mir ausdrucken und bei mir tragen. Vielleicht muss ich es so sehen, aber manchmal denke ich einfach, dort, wo meine Gefühle sein sollten, ist einfach nur ein schwarzes Loch und was ich mache, mache ich aus Pflichtgefühl. Aber ja, ein Perspektivwechsel ist sicher gut für den ersten Schritt.

  18. Maxi
    Posted 30. August 2016 at 11:32 | Permalink

    Gibt’s ja nicht, dass du meine Gedanken und Gefühle so richtig beschrieben hast. Wunderbar!

  19. Annette
    Posted 30. August 2016 at 11:41 | Permalink

    Ist das schön! Ich habe Tränen in den Sugen und Gänsehaut mit all den eigenen Erinnerungen.
    Eine wundervolle Liebeserklärung!
    Und der Name Arlos ist toll.

  20. Kathrin
    Posted 30. August 2016 at 16:16 | Permalink

    Wunderbar treffend! Ein schöner und emotionaler Artikel, den man versteht, wenn man selbst Mama/Papa ist. Danke <3

  21. Isabell
    Posted 30. August 2016 at 20:27 | Permalink

    Liebe Marlene,
    vielen Dank für diesen ehrlichen und Herz-erwärmenden Text. Ich selbst bin gerade mit meinem ersten Kind schwanger und habe mir nunmehr vorgenommen, mir deinen Text abzuspeichern und ihn in ca. 2 Jahren erneut zu lesen,um gespannt zu sein, aus welcher Perspektive ich ihn dann erneut „verschlingen“ werde.
    Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute für die Zukunft und viel Gesundheit und Humor. 😉

  22. Marlene
    Posted 31. August 2016 at 09:42 | Permalink

    Dankeeeeeeeeeeeeee!!!!!!!!!!!!!!!!!! Großartig, danke…. und ich – wir – befürchten, vermuten, freuen uns darauf, dass unser Noah aka Quietschie wohl auch so ein seeeeeeeehr selbstbewusster, fröhlich-ausgeglichener und selbstbestimmter kleiner Junge wird 😀

  23. Melanie
    Posted 1. September 2016 at 17:08 | Permalink

    Herz!
    So schön….. !
    Und so süß!
    Liebe Grüße!

  24. Julie
    Posted 4. September 2016 at 17:10 | Permalink

    Liebe Marlene,
    Heute ist mein letzter Tag Elternzeit. Dein Text kommt also genau richtig. Danke für deine wunderschönen Worte! Julie

  25. Deborah
    Posted 7. September 2016 at 15:32 | Permalink

    oh mein Gott, sitze im Büro und heule Rotz und Wasser 🙁 das ist so wunderschön!!! Ich werde nächstes Jahr zum ersten Mal Mutter und freue mich gerade nach eine Bericht wie deinem umso mehr! Die Liebe die ich jetzt in den ersten Monaten schon empfinde, tut manchmal richtig weh und ich glaube und vermute ganz stark, dass ich eine richtige Helikopter-Mama à la Handbuch werde 🙂 Vielen Dank für das Teilen deiner Gefühle und Erlebnisse!

  26. Franzi
    Posted 12. September 2016 at 21:36 | Permalink

    wow. danke. was für ein text…

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  1. Von fashion’s night out giveaway | spruced am 31. August 2016 um 11:41

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